Redebeitrag der alerta Pforzheim vom 20. 2. 2010

(der Wortlaut ist nicht 1 zu1 der Gleiche)

/Auch ich werde meiner Rede den Schwur von Buchenwald voranstellen:
„Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung.
Der Aufbau einer Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.
Das sind wir unseren gemordeten Kameraden und ihren Angehörigen
schuldig.“ Als autonome Antifaschistinnen und Antifaschisten sehen wir
uns in der Tradition der Gefangenen von Buchenwald. Uns geht es darum,
die würde der Opfer des NS zu bewahren./

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/Der zweite Weltkrieg hat, manche mögen es nicht glauben, nicht in
Pforzheim und schon gar nicht am 23. Februar 45 begonnen. In Pforzheim
kann man dieser Tage aber leicht den Eindruck gewinnen, dass Pforzheim
aus heiterem Himmel bombardiert worden wäre. So befindet sich auf dem
Mahnmal auf dem Wallberg eine Stadtchronik, auf der für den 23.
Februar 45 die Zerstörung der Stadt durch die Royal Air Force erwähnt
ist. Nicht erwähnt sind jedoch die Jahre des NS, die dazu geführt
haben. Es ist lediglich zu lesen, dass sich seit 1900 die
Schmuckindustrie gut entwickelt hätte. Ähnlich verhält es sich mit den
Zerstörungstafeln, die jedes Jahr im Stadtgebiet aufgestellt sind. Der
einzige Kommentar ist: „Dieser Anblick bot sich hier nach dem 23.
Februar 1945“. Warum es dazu gekommen ist, bleibt unerwähnt./

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/Das alles begann jedoch schon 1933! Schon damals war
Antifaschistinnen und Antifaschisten klar: „Wer Hitler wählt, wählt
Krieg!“. Schon früher waren die Deportation der Jüdinnen und Juden,
die Ausschaltung der politischen Gegnerinnen und Gegner, oder die
Einleitung der Beseitigung von „unwertem Leben“. Das alles fand seinen
Gipfel im industriellen Massenmord. Diese Ereignisse sind uns vorhin
ja sehr detailliert geschildert worden./

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/Schließlich hat Nazi-Deutschland 1939 mit dem Überfall auf Polen den
Krieg begonnen, und Pforzheim als Rüstungsstadt war spätestens seit da
Akteur im Krieg./

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/Wenn man nun heute die Debatte um den 23. Februar verfolgt, kann man
leicht den Eindruck gewinnen, dass es sich bei allen 17.000
Verstorbenen um unschuldige Opfer gehandelt hat. Wir fordern hier eine
Differenzierung! Naturlich war ein Kind, das am 23. Februar ums Leben
kan, ein unschuldiges Opfer; das hat auch in den letzen Jahren nie
ein/e Antifaschist/-in bestritten. /

/Aber was ist mit der NSDAP-Wählerin? Was ist mit den Profiteuren von
arisiertem Vormögen, oder denen, die ihre Nachbarn denunzierten? Waren
sie Opfer? Nicht alle Toten des Krieges sind Opfer, denn wenn überall
Opfer sind, wo sind denn dann die Täter? Für uns gilt weiterhin:
Deutsche Täter sind keine Opfer! Ob ein Verstorbener des 23. Februars
auch wirklich unschuldiges Opfer war, gilt es individuell zu bestimmen./

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/Ähnlich ist es, wenn es heißt, dass Pforzheim unnötiges Opfer des
Krieges war. Was war denn dann nötig? War der Überfall auf Polen etwa
nötig? War denn der industrielle Massenmord nötig, oder etwa das
Bombardieren englischer Städte? /

/Pforzheim war Akteur im Krieg, und so muss es auch betrachtet werden.
Der Angriff auf Pforzheim folgte der Kriegslogik; Deutschland hatte
mit der Bombardierung englischer Städte begonnen./

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/Auch wenn Deutschland den Krieg nicht mehr gewinnen konnte;
Deutschland kapitulierte nicht. Und immer noch wurden täglich tausende
Menschen in KZs getötet, immer noch lief die Mordmaschinerie. Die
US-amerikanische Wochenschau drückte es so aus: „The Nazi-Reich falls
City by City“, das Nazireich fällt Stadt für Stadt. Wie auch sonst
hätten die Alliierten Nazideutschland niederringen sollen? /

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/Es ist in diesen Tagen auch immer wieder von der Würde des Trauertag
es zu hören. Es ist klar, dass es an diesem Tag für viele Menschen um
die Trauer um verstorbene Angehörige geht. Das ist auch vollkommen
legitim. Wenn aber der 23. Februar politisch thematisiert wird, darf
es nicht bei der Trauer um 17.000 Tote und alle anderen Opfer des
Krieges bleiben. Es müssen Hintergründe, Täter und Profiteure benannt
werden, um Faschismus zu begreifen und ein erneutes Erstarken
unmöglich zu machen! /

/Wer heute mit dem Totschlagargument der Würde des Trauertages
sämtliche Kritik am Umgang mit dem 23. Februar unterdrückt, der/die
beschädigt die Würde der Opfer des NS!/

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/Wir hoffen auch mit der heutigen Demo das Klima in der Stadt
aufzubrechen. Schon letztes Jahr haben wir mit unserer Teilnahme an
der Diskussionsveranstaltung der Initiative gegen Rechts über den
Umgang mit dem 23. Februar einen wichtigen Schritt getan, und auch
heute haben wir zusammen ein Zeichen gesetzt. Wir wollen auch in
Zukunft unseren Teil dazu beitragen, in Pforzheim eine Stimmung zu
schaffen, die die Veranstaltung der Nazis unmöglich macht!/